Giulia gewinnt – Pablo holt Silber

NZZ 15. Juni 2013

Steingruber turnt national in einer eigenen Kategorie. Deshalb hätte viel passieren müssen, dass die 19-jährige St. Gallerin nicht Nachfolgerin der zurückgetretenen Ariella Käslin als Turnfestsiegerin wird. Steingruber erreichte 57,350 Punkte und blieb damit gar um 0,285 über ihrem Total beim 4. Rang im Mehrkampf an den Europameisterschaften in Moskau im April. Allerdings fällt die Bewertung in einem solchen nationalen Mehrkampf in der Regel etwas milder aus.

Fehlerlos kam Steingruber nicht durch. Vom Schwebebalken stürzte sie, und auch beim Stufenbarren gelang ein Element alles andere als wunschgemäss. Deshalb fiel ihre Punktzahl in diesen beiden Geräten (jeweils 13,750) deutlich am tiefsten aus. Beim Sprung zeigte sie den Tschussowitina und erhielt 15,400 Punkte, einen Wert, den selbstredend keine andere Turnerin in Biel schaffte. «Ich bin mega stolz auf diesen Titel», sagte Steingruber, die vor sechs Jahren in Frauenfeld Rang 9 belegt hatte. «Die Atmosphäre war cool. Neben dem Swiss Cup war es einer der besten Wettkämpfe in der Schweiz.» Zum Sturz beim Balken sagte sie: „«Ich merkte es schon beim Schritt, dass es nicht gut kommt». Den Rest habe sie aber gut durchziehen können. Deshalb war sie mit ihrer Leistung auch sehr zufrieden.

Am Boden präsentierte Steingruber eine neue Übung zur Musik „Love & Loss“ von Two Steps From Hell. Es sei gut manchmal, etwas zu ändern. «Es musste jedoch schnell gehen. Von daher bin ich froh, dass ich beim ersten Mal einen guten Eindruck machen konnte», erklärte Steingruber. Für das Schweizer Aushängeschild war es ein Heimspiel, ist sie in Biel doch Wochenaufenthalterin. «Biel ist meine zweite Heimat», sagte Steingruber. Sie wird nun beim Turnfest noch bei einzelnen Disziplinen reinschauen. Zudem stehen drei Autogrammstunden auf dem Programm.

Steingruber distanzierte Ilaria Käslin um 3,4 Punkte. Dass Platz 2 an die 15-jährige Tessinerin ging, war ebenfalls nichts als logisch. Über welches Potenzial Käslin verfügt, bewies sei an der EM mit dem 13. Platz im Mehrkampf. Käslin musste beim Stufenbarren die Übung unterbrechen, ansonsten zeigte sie einen soliden Wettkampf. Dritte wurde mit 52,150 Punkten Laura Schulte. Die 16-jährige Aargauerin hatte in Moskau ebenfalls zum EM-Team gehört.

Wesentlich spannender war der Wettkampf bei den Männern. Capelli setzte sich bloss um 0,150 Punkte vor Pablo Brägger durch. Damit schaffte der 26-jährige Seeländer – er kommt aus dem bloss 20 Autominuten von Biel entfernten Lätti – Historisches: Erstmals seit Jack Günthard im Jahr 1955 gelang es einem Turner, den ETF-Titel erfolgreich zu verteidigen. Damals fand das Eidgenössische Turnfest jedoch alle vier Jahre statt, und nun alle sechs. Das macht es noch spezieller. Bronze holte Christian Baumann, der Schweizer Meister bei den Junioren.

Dass es dermassen knapp wurde, hat auch damit zu tun, dass Capelli nach der EM in Moskau, wo er als Neunter im Mehrkampf ein Diplom knapp verpasst hatte, wegen einer Fingerverletzung drei Wochen pausiert hatte. Deshalb reichte die Zeit nicht, um die richtigen Übungen zu machen. Von daher habe er gewusst, dass es knapp werden würde. «Es war von Anfang an spannend. Es ist ein geiles Gefühl. Vor sechs Jahren durfte ich gewinnen, diesmal war der Druck grösser.»

Die Topturnerinnen und -turner mussten sich etwas länger gedulden, bis sie ihre Künste zeigen konnten. Weil die Esplanade-Halle komplett überfüllt war, fing der Wettkampf aus Sicherheitsgründen mit Verspätung an.

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